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Abstammungsübersicht: 3. Phase

Die Zeit seit dem Ende des 19. Jahrhunderts

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wanderten einige Familienmitglieder wie Waldemar (1850- 1931) und später Lütke (1886- 1964) in andere Teile des Deutsches Reiches ab. Waldemar kam als preußischer Offizier nach Masuren in Ostpreußen, heiratete dort und begründete mit seiner Frau Friederike, geb. Rogalla v. Bieberstein einen ostpreußischen Zweig der Familie, während Lütke in Westpreußen heimisch wurde und, aus dem jüngeren Zweig der Familie stammend, seine entfernte Kusine Ida Freiin von Ketelhodt, Tochter Waldemars, heiratete. Durch diese Heirat sind entfernte Verwandte wieder zu nahen Verwandten geworden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren noch etliche Ketelhodts in Rudolstadt ansässig, aber neue berufliche Herausforderungen führten dazu, dass die Jüngeren im 20. Jahrhundert langsam abwanderten. Nach 1926 ist kein Ketelhodt mehr in Rudolstadt geboren worden. Der Trend der Abwanderung führte mit dem Ende des 2. Weltkrieges, der Entstehung eines kommunistischen Systems in Ostdeutschland und der damit verbundenen Enteignung dazu, dass schon bald kein jüngerer Angehöriger mehr in Rudolstadt zu Hause war. Mit Hans (1948) und seiner Schwester Gertrud (1949) starben die letzten dort lebenden Ketelhodts.

Die damals Jüngeren mussten nach dem Zusammenbruch von 1945 damit leben, dass alle materiellen Grundlagen, die Güter, alle Kunstschätze und Bibliotheken, ja die Heimat Ostpreußen, Westpreußen und Thüringen für sie verloren waren. Alle mussten sich beruflich neu orientieren und brachten zum Teil zunächst mit einfachsten Arbeiten ihre Familien über die Runden. Das Senioratsgut Behringen, nicht weit von Rudolstadt gelegen und seit Jahrhunderten im Familienbesitz, wurde enteignet, das Inventar gestohlen oder verschleudert, die kostbare Bibliothek verstreut, das Gutshaus abgerissen – Symbol für das Schicksal der Familie nach dem 2. Weltkrieg. Auch die vorhandenen Gräber und Grabmale in Rudolstadt wurden eingeebnet, Erinnerungen gelöscht. Einzig drei Gräber auf dem Friedhof von Behringen sind noch erhalten und werden gepflegt. Allerdings – und das war wichtiger – haben alle Männer, die als Offiziere an den Fronten standen und z.T. hohe Auszeichnungen erhielten, den Krieg überlebt, und nur eine der jungen Frauen kam in der Tschechei kurz vor Kriegsende ums Leben. Der Bestand der Familie war gesichert. Der Neubeginn gelang nun in anderen Berufen. Politisch hat sich in der Zeit nach 1945 nur einer, Albert (1898 -1967) im Kreis Herzogtum Lauenburg im südlichen Schleswig-Holstein betätigt; keiner wurde mehr Beamter oder (mit zwei Ausnahmen) Berufsoffizier. Heute sind die Familienangehörigen insbesondere in der Wirtschaft oder als Juristen tätig. Sie wohnen über die ganze Bundesrepublik verstreut, halten aber miteinander Kontakt. Angehörige der Familie gingen nach 1945 nach Süd-Afrika und Kanada. Nachkommen leben auch in Luxemburg, den Niederlanden, in England, Schweden oder den USA. Die Familie insgesamt bewältigte den Neuaufbau nach der Katastrophe der Nazi-Zeit, dem 2. Weltkrieg und dessen Konsequenzen erfolgreich. Die politische Wende von 1989/1990 machte der Familie bewusst, dass sie ihre Wurzeln in Rudolstadt hat. Ein erster Familientag dort seit der Wende im Jahre 1995 vereinte 75 Angehörige. Bis dahin hatten Rundbriefe, Familientage und persönliche Besuche den Zusammenhalt gewährleistet. Nun wurde auch ersichtlich, dass das alte Familienarchiv auf der Heidecksburg in Rudolstadt nicht, wie angenommen, verloren war, sondern in der Zeit von 1933 bis 1990 unangetastet geblieben war und nun wieder genutzt und ergänzt werden konnte. Eine der jungen Frauen, Friederike (geb. 1958), versuchte sogar, in dem einzigen der Familie noch verbliebenen Haus in Rudolstadt heimisch zu werden – leider erlag sie jedoch schon 2004 einer tückischen Krankheit. Inzwischen haben schon mehrere Familientage in oder bei Rudolstadt stattgefunden und so manche kurze Urlaubsreise von Familienangehörigen und deren Freunde führte in die Stadt der Vorfahren. Dabei ist stets neu mit Erstaunen zu beobachten, dass der Name unserer Familie immer noch in der alten Residenzstadt bekannt ist. Dazu trägt wohl auch bei, dass eine Stele in der Fußgängerzone Carl-Gerd von Ketelhodt gewidmet ist und in einer Glasvitrine in einem neuen Einkaufzentrum sein Name im Zusammenhang mit anderen berühmten Persönlichkeiten zu lesen ist. An der Außenwand des alten Ketelhodt`schen Wohnhauses in der Schillerstrasse 50, heute eine Jugendherberge, ist im Jahre 2008 eine Erinnerungstafel angebracht worden.

Im Jahre 1904 wurde in Rudolstadt ein Familienverband gegründet. Dieser wurde 1950 von den damaligen DDR-Behörden gelöscht, 1970 in Westdeutschland jedoch neu gegründet. 2002 wurde eine frühere Satzung überarbeitet und Rudolstadt wieder als Sitz bestimmt. Diese Satzung entspricht in den wesentlichen Punkten den Vorgaben der deutschen Adelsverbände. Zur Zeit gehören dem Familienverband etwa 70 Mitglieder an, etwa ein Drittel sind jünger als 40 Jahre. Der Familienverband gehört dem „Sächsischen Adel“ seit vielen Jahren an. Familientage finden alle zwei Jahre statt. Im Jahre 2003 kamen 34 Angehörige zu einem Familientreffen bei Johannesburg/Süd-Afrika zusammen, davon allein 15 aus Deutschland, ein allen Beteiligten unvergessliches Erlebnis. Aus Anlass des 100-jährigen Bestehens des Familienverbandes – in der Zeit von 1945 bis 1970 lebte er auch ohne vereinsrechtliche Grundlage – ist eine kleine Schrift „Einhundert Jahre Familienverband der Freiherren von Ketelhodt, 1904 bis 2004“ erschienen. Zur Familiengeschichte ist eine ganze Anzahl von Publikationen erschienen und etliche haben auch ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben. Schon Christian-Ulrich, geb. 1701, hat Forschungen zur Familiengeschichte anstellen lassen. Im 19. Jahrhundert hat Eduard v. Ketelhodt die erste Familiengeschichte publiziert, denen später die von Gerd, geb.1868, und von Lütke, geb.1886 folgten. Neben ihnen hat sich besonders Vredeber, geb. 1908 und Vredeber, geb. 1926 um die Familienforschung verdient gemacht. Im Jahre 2010 erscheint eine Ergänzung und Fortschreibung zur Familiengeschichte der Freiherren v. Ketelhodt (200 Seiten mit zahlreichen Abbildungen). Regelmäßige Rundschreiben, die in oder zweimal im Jahr versandt werden, haben die Aufgabe, die Gesamtfamilie zusammenzuhalten, ebenso wie bisher 26 Familientage.

Immer wieder kommen alte Vornamen bei den männlichen Nachkommen vor: herausragend und einzig in unserer Familie verwendet, ist der Vorname Vredeber, der lange gar nicht benutzt wurde, aber im ersten Abschnitt des 20. Jahrhunderts wieder in Mode kam. Um 1970 hießen alle drei Vorstandsmitglieder des Familienverbandes mit Vornamen Vredeber. Immer noch beliebt sind auch die Vornamen Christan-Ulrich oder auch nur Christian, Ulrich, Nicolaus/Nikolaus, Gerd oder Gerhard, Joachim oder Lütke.

Die Geschichte der Familie in den rund 800 Jahren seit der ersten Beurkundung im „Ratzeburger Zehnregister“ war wechselhaft, der Fortbestand bisweilen ernsthaft gefährdet, und doch hat sich die Familie insgesamt bislang durchsetzen können. Sie hat sich anpassen können an neue Gegebenheiten und Herausforderungen. Als Motto dieser langen Geschichte kann gelten, was in einer Andacht bei dem Familientreffen in Süd-Afrika ausgesprochen wurde: Semper fortiter, numquam sine spe – immer aufrecht (tapfer), niemals ohne Hoffnung.

Kiel-Kronshagen 2010,
Matthias Freiherr von Ketelhodt, Vorsitzender des Familienverbandes